BILDGALERIE

"Heimat"

In einer ersten Projektbeschreibung charakterisierte Maximilian Erbacher sein Kunstwerk für die Vorgebirgspark Skulptur wie folgt: „Das Objekt besteht aus Vierkantstahl, Weidedraht, Isolatoren sowie einem Weidezaungerät, das im Takt 9-Volt Stromimpulse über den Draht an das Objekt aussenden kann. (Die Impulse sind für den Menschen ungefährlich). In herkömmlicher Weise wird dies zur Viehhütung in der Weidewirtschaft eingesetzt, um die Tiere vor dem Ausbrechen zu bewahren.“ Das entsprechende Objekt, ein hochglänzendes kubisches Metallteil, das ein wenig wie ein auf den Kopf gedrehter Tischunterbau ohne Platte aussieht, steht am Boden im Baumhof, unweit der drei fest installierten Tischtennisplatten und der beiden grünen Drahtbänke. Die vier Spitzen, die sich an den Ecken der Unterseite befinden, sieht man nicht, sie sind in den Boden gesteckt, um dem Objekt Standfestigkeit zu verleihen. Neben diesem Metallgebilde steht das Weidezaungerät in ansprechendem Design, in Schwarz und Petrol mit kontrastierendem roten Schaltknopf. Das Kunstwerk nimmt ein Gesamtvolumen von etwa einem Kubikmeter ein, ist also ziemlich klein, fällt aber im Kontext des von hohen Linden umstandenen Baumhofs durchaus auf, weil es in seiner funktionslosen Funktionalität und mit seinem von Gebrauchs- und Verwitterungsspuren freien Äußeren, der perfekten Metallic-Gold-Lackierung („wie bei einem Mercedes-S-Klasse der Achtzigerjahre“, so der Künstler), hier wie ein Fremdkörper wirkt, ein wenig wie vom Himmel gefallen. Rein formal betrachtet, erinnert das Werk an Skulpturen der amerikanischen Minimal Art, besonders an die „Incomplete Open Cubes“ von Sol LeWitt aus den 1970er-Jahren – wie die Lackierung ein ästhetisches Kennzeichen mit Retro-Charakter. Beide signalisieren Urbanität und stehen damit in eigentümlichem Kontrast zum ländlichen Charakter des Weidezauns. Durch die Präsenz der Isolatoren, des in zwei Reihen umlaufenden Drahts und des Weidezaungeräts, das mit beharrlichem Ticken elektrische Impulse aussendet, wird die strenge Form mit einer schwer zu bestimmenden Inhaltlichkeit aufgeladen: Etwas Unangenehmes, Bedrohliches geht von der Glätte und Kälte des Objekts und nicht zuletzt von seiner elektrischen Aufladung aus. Ein Weidezaungerät – für welche Tiere eigentlich? Schon mit einem einzigen Schaf darin wäre das umzäunte Gebilde hoffnungslos überfüllt. Diese Vorstellung, die sich beim Betrachten unmittelbar aufdrängt, verleiht Erbachers Arbeit eine absurde Note, eine gewisse unterkühlte Komik. Und dann trägt das Ganze den historisch und gesellschaftspolitisch völlig überdeterminierten Titel „Heimat“. Damit löst das Werk eine ganze Kaskade von Fragen, Vermutungen und Assoziationen aus. „‚Heimat‘ – das ist eines der unendlich deutschen Wörter, die nicht zu übersetzen sind“, so der Philosoph Peter Trawny, „Home oder homeland sind nicht dasselbe, schon gar nicht la patrie. (…) Das Wort wächst in seine Bedeutung hinein, rollt sich in sie ein, ist nicht herauszubringen. Jeder Versuch, es zu bestimmen, zerfällt wie sehr trockene Eichenblätter: Die Heimat des Deutschen ist das Deutsche der Heimat.“1 Das typisch deutsche, schwer zu bestimmende Konzept „Heimat“ ist auch politisch nicht leicht zu verorten. Es dürfte nicht jedem bekannt sein, dass in Deutschland ein Bundesministerium für die Heimat zuständig ist – aber selbst hier gibt es keine Eindeutigkeit: Seit dem 6. Mai 2025 gibt es das „Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat“ – ein bedenkenswerter Dreiklang –, zuvor aber war das Bundesministerium des Innern für die Heimat zuständig gewesen.

Die Arbeit von Maximilian Erbacher kann als Konzeptkunst verstanden werden; sie erschließt sich nicht rein visuell, durch bloßes Anschauen, sondern entfaltet sich erst im Nachdenken, vor allem aber im Diskurs, in der Diskussion mit anderen. Das Wort Heimat löst allerlei Assoziationen aus: vor allem aber ist es das Eigene, das bewahrt und vor einem Anderen geschützt werden muss. Der von Strom durchflossene Draht lässt unvermeidlich an all die kontroversen Debatten um Zuwanderung, um Grenzschutz und Grenzkontrollen denken, die seit Jahren das politische Klima in Europa (und nicht nur dort) prägen. Erbacher hat im vorliegenden Folder ein Aquarell von 2013 abgebildet, das eine Landschaft zeigt, in dem klein und fragil das umzäunte Areal der „Heimat“ zu sehen ist, über dem sich ein riesiges, dunkles Gebilde zeigt. Eine bedrohliche Wolke, ein vom Himmel herabstürzendes Objekt? Der Größenunterschied zwischen der gigantischen Bedrohungsform und dem winzigen Weidegrund ist so grotesk riesig, dass man sich fragt, wie real die Bedrohungslage wirklich ist – oder ist sie bloß ein Phantasma? Zum Gedanken an die Heimat gehört untrennbar die Vorstellung, dass sie bedroht sei und geschützt werden müsse: politisch gegen rechts oder links, vor Gefahren von außen oder von innen, vor dem Fortschritt oder dem Stillstand. An diesen Begriff setzen sich allerlei ideologische Versatzstücke an und bilden eine schwer durchdringbare Patina. Dass Maximilian Erbacher diesen komplexen Begriff mithilfe eines nur vermeintlich einfachen Objekts zum Thema macht, ohne sich auf eine These festzulegen, ist besonders hervorzuheben. Dadurch bleibt es, über seine visuelle Präsenz hinaus, lange im Gedächtnis, irritiert, verstört und regt allemal zum Diskurs an. Das macht es zu einem politischen Kunstwerk – und das ist etwas völlig anderes als die bloße Illustration einer vorgefassten politischen Meinung.

– Peter Lodermeyer –

VITA

Maximilian Erbacher
1970 geboren in Rosenheim
1993 – 1998 Gestaltung, Hochschule Augsburg und Düsseldorf, Prof. Harald Fuchs
1995 – 1996 Visual Arts, University Of Ulster, Belfast, Nord-Irland
1999 – 2002 Medienkunst, Kunsthochschule für Medien Köln Prof. Jürgen Klauke, Prof. Valie Export
2016 – 2018 Kunstpädagogik, Akademie der Bildenden Künste München, Prof. Res Ingold
Preise, Stipendien
2016 Kunst im öffentlichen Raum, Kulturreferat München, Skulpturenprojekt, Stadt Ebersberg
2014 Goethe Institut Bangalore, Indien, Artist in Residenz,
Kunst im öffentlichen Raum, Universalmuseum Joanneum, Graz, Österreich
2011 Universität Pècs im Bereich Medienkunst, Ungarn, DAAD Gastdozentur
2010 NRW Kulturbüro, Shanghai, China, Reisestipendium
Approach Art Association Pècs, Ungarn, Artist in Residenz
2008 Skulpturenwettbewerb im öffentlichen Raum, Mülheim/R., erster Preis
2007 QueenStreetStudios, Belfast, Nord-Irland, Artist in Residenz
2004 Kunststiftung NRW, Bildende Kunst/Medienkunst, Nachwuchspreis
2003 First Step, Berlin, Nachwuchspreis (Nominierung)
1996 University of Ulster/Belfast im Bereich Fine Arts, Nord-Irland
Einzelausstellungen
2014 MOD Institut, Bangalore, Indien
2011 Galerie Mirko Mayer, Köln
2010 Yongkang Art, Shanghai, China, EXPO 2010, Shanghai, China, deutscher Pavillon
2009 Közelites Gallery, Pècs, Ungarn, Kunstverein Malkasten, Düsseldorf, Galerie Mirko Mayer, Köln
2008 The Return Gallery, Goethe Institut Dublin, Irland
2007 artothek, Raum für junge Kunst, Köln, Galerie Mirko Mayer, Köln, QSS Gallery, Belfast
2006 Galerie Mirko Mayer, Köln
2005 Kunstverein Rosenheim
2004 Museum Goch, Goch
Gruppenausstellungen
2024 Kunsthalle Kempten
2022 Edwin-Scharff-Museum, Neu-Ulm
2020 RischArt Projekt, Gasteig, München
2016 MaximiliansForum München, Kunstverein Ebersberg
2014 MOD Institut Bangalore, Indien
2012 Galerie Lena Brüning, Berlin
2006 bis 2011: Galerie Mirko Mayer, Art Cologne, Institute of Contemporary Arts Donaujvàros, Ungarn
2009 Skulpturenmuseum Heilbronn, Lothringer13, Kunstverein Malkasten, Düsseldorf
2006 Haus der Kunst, München
2003 Zentrum Beeldende Kunst, Rotterdam
2002 Taipei Fine Arts Museum, Taiwan

maxerbacher.de