Eine ganze Reihe türkisfarbener Objekte leuchtet schon von Weitem vom Wasserbecken des Rosengartens her und lockt die Besucher an. Es sind eigen- tümliche Schwimmobjekte, die hier über die Wasseroberfläche treiben: zweckentfremdete, aus jeweils drei Luftkammern bestehende, aufblasbare Kinder- planschbecken von je etwa 60 Zentimetern Durch-messer, die, anstatt selbst mit Wasser gefüllt zu sein, kopfüber im Becken schwimmen. Wer sich die Mühe macht sie durchzuzählen, kommt auf genau 14 schwimmende Objekte. Zandra Harms fand irgendwann heraus, dass solch ein Planschbecken sich sehr gut als Schwimmobjekt eignet, sogar noch besser, wenn es auf den Kopf gedreht wird, weil sein Boden dann eine Art Plattform bietet, ein „Sonnendeck“, auf dem die Figuren wie auf einer Präsentationsfläche platziert werden können. Mit dieser Maßnahme kommt eine unerwartete Dynamik ins Spiel, durch die im Wasser treibenden Planschbecken wird Bewegung zu einem wichtigen Aspekt der Installation. Mit dem leisesten Windhauch kommen die Becken in Fahrt, vollführen erstaunliche Drehbewegungen, stoßen aneinander, treiben voneinander weg und bilden ständig wechselnde Konstellationen. Das Erstaunlichste an diesen „Booten“ aber sind ihre Passagiere: rätselhafte Figuren mit ungewöhnlichen, farbig gefassten Gesichtern, langen weißen Armen, expressiv ausgestreckten überlangen Fingern, zum Teil mit farbig lackierten Fingernägeln, ohne Beine und in farbige Textilien gekleidet. Diese 14 Wesen sind offenbar die im Titel genannten Geister, die auf den Planschbecken-Booten ausgestreckt verharren: Man weiß nicht, ob sie entspannt daliegen, ob sie schlafen, in sich zusammengesunken sind, ob sie erschöpft sind oder tot. Der Ausgangspunkt für die Installation von Zandra Harms ist eine Geschichte, die sie sich vorstellt und die mit folgenden Worten beginnt: „In einer Welt, in der Geister traditionell mit den Lebenden interagieren, haben sich die Geister plötzlich von den Menschen abgewandt. Sie sind nicht mehr ansprechbar, und ihre einstige Verbindung zu den Lebenden ist vollständig verschwunden.“ Zandra Harms liefert keine gebrauchsfertige Interpretation zu dieser Geschichte, mögliche Deutungen bleiben den Betrachtern überlassen. Die Geister schweigen, sie mischen sich nicht mehr in die menschlichen Angelegenheiten ein – im Kölner Kontext fällt einem dazu unvermeidlich die Geschichte von den Heinzel-männchen ein. Diese hilfreichen, fleißigen Hausgeister, die des Nachts die Arbeiten der Handwerker verrichteten, verschwanden auf Nimmerwiedersehen, sobald die Frau eines Schneiders es wagte, sie anzuschauen und sich über sie lustig zu machen. Wenn Zandra Harms von einer Welt spricht, in der die Geister „traditionell“ in Zusammenhang mit den Menschen existierten, kann dies nur eine vormo-derne, lange zurückliegende Epoche oder eine Art Märchenwelt betreffen. Die „Entzauberung der Welt“ durch Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft, von der der Soziologe Max Weber einst gesprochen hat, machte dem traditionellen Volksglauben an Naturgeister, Kobolde, Elfen, Nymphen, Trolle und so weiter ein Ende. Stehen die „Geister“ in der Arbeit von Zandra Harms also metaphorisch für die uns umgebende Natur, von der wir uns mit unserer Lebens- weise zunehmend entfremdet haben und die wir in einem atemberaubenden Tempo und in erschreckendem Ausmaß zerstören?
BILDGALERIE
"Wenn die Geister schweigen"
Wie auch immer man die Installation im Wasserbecken des Vorgebirgsparks inhaltlich deuten mag, vom künstlerischen Aspekt her ist es ganz erstaunlich, mit welchem Aufwand und welcher Sorgfalt die Künstlerin die Geisterfiguren geformt hat. Es handelt sich dabei keineswegs um standardisierte Formen, sondern um 14 Individuen, die sich in Gesichtsbildung, Handhaltung und Kleidung deutlich voneinander unterscheiden. Die Köpfe und Hände ihrer Geister hat Zandra Harms aus Porzellan modelliert und gebrannt, an manchen Fingernägeln und vor allem in den Gesich-tern kommen farbige Glasuren zum Einsatz. Porzellan ist seit langer Zeit ihr bevorzugtes Material. Diesen Werkstoff – makellos weiß, glatt, edel und zerbrechlich zugleich – hat sie von seinem Image als Gefäßkeramik befreit und ihm über die Jahre experimentell ganz neue und ungewohnte Möglich- keiten plastischer Gestaltung abgewonnen. In „Wenn die Geister schweigen“ geht das Porzellan unerwartete Materialkombinationen ein, denn jeder Figur hat Harms ein Kleidungsstück auf den Leib geschnei- dert. Als Ausgangsmaterial diente ihr vor allem Sportkleidung, die wasserabweisend ist und mit ihren glänzenden Materialien modern wirkt. Doch diese Kleidung mit ihren lebhaften Farben – silber, rosa, gelb, neongrün und so weiter –, vor allem aber auch das leuchtende Türkis der Planschbecken, auf denen sie mit gespreizten Fingern ausgestreckt liegen, steht in einem merkwürdigen Kontrast zu den Gesichtern dieser Figuren, die großenteils durch die Glasuren unmenschlich, entstellt oder versehrt wirken, als wären sie in Auflösung begriffen. Der auf den ersten Blick so lustige Bootsausflug der Geister bekommt durch dieses Detail eine beunruhigende Ambivalenz – und die wird noch dadurch gesteigert, dass die Figuren keine Beine haben, sich nicht aus eigener Kraft fortbewegen können und ihre Mobilität nur den Planschbecken aus PVC verdanken, einem Material, das bekanntlich durch seine übermäßige Präsenz in den Weltmeeren für ehebliche ökologische Probleme sorgt. Die Installation „Wenn die Geister schweigen“ gibt viel zu sehen und viel zu denken.
– Peter Lodermeyer –
VITA
Zandra Harms
1968 in Hamburg geboren
1989-1991 Kunststudium, Universität Köln bei Peter Buchholz
1991-1996 Studium Kunstakademie Münster bei Joachim Bandau
1996-1999 wiss. Hilfskraft, Kunsthochschule für Medien, Köln
Förderungen
2024 Artist Residency, Museum Keramion, Frechen
2022 Arbeitsstipendium, Neustart Kultur, Stiftung Kunstfonds
2021 Projektstipendium, Ministerium für Kultur u. Wissenschaft, NRW
2021 Ausstellungsförderung, Kunstverein Osterholz, Stiftung Kunstfonds
2021 Atelierförderung, Stadt Köln
2017 Artist Residency, Dormagen-Guffanti-Stiftung, Stadt Köln
2009 Preis der NORDWESTKUNST, Kunsthalle Wilhelmshaven, Nominierung
2008 Katalogförderung, Stiftung Kunstfonds
Ausstellungen (Auswahl)
2025 Weather Report, NoraArt, Schweden
2024 Unterschlupf am Kreisverkehr, Museum Keramion, Frechen (E); Breakdown, Künstlerhaus Sootbörn, Hamburg;
Die Schwerkraft der Räume, Kunstraum der Sammlung Schmidt-Drenhaus, Köln; Aus dem Koffer,
Zeichnungen auf Reisen, Köln, Hamburg, Berlin; Bescherungsauflagen, Neue Galerie Landshut
2023 re:turn re:mail re:send, Kunstverein Ebersberg; DREIWOANDERS, Hilbert Raum, Berlin;
Face to Face, artothek – Raum für junge Kunst, Köln
2022 Blinds, Kollaboration mit Gunilla Jähnichen, Kunstverein Osterholz (E); DIE GROSSE, Museum Kunst-
palast, Düsseldorf; Editionen, Neue Galerie Landshut
2021 encore une fois, (mit Christiane Rasch), Raum für Gäste, Aachen (E), Papierarbeiten, augsburg
contemporary, Augsburg; Still Alive, Deutscher Künstlerbund, Berlin
2020 2-gather, Kunstverein Aschaffenburg; Vom Glück im Unglück, Hase29, Osnabrück; Gäste, Galerie
Mayhaus, Erlach, Schweiz; Editionen, Galerie Ulrich Mueller, Köln
2019 Ping Pong, Galerie Roy, Zülpich; Flüchtige Entwürfe, Deutscher Künstlerbund, Berlin
2018 DIE GROSSE, Museum Kunstpalast, Düsseldorf; I like fishing, Galerie Peter Tedden, Düsseldorf
2017 Nein Nein Nicht, Dormagen-Guffanti-Stiftung, Köln (E); Wer schreibt, der bleibt, Galerie Tedden, Düsseldorf
2016 Städtische Galerie Karst (E)
2014 Hunde blau gelb, artothek – Raum für junge Kunst, Köln (E)
2012 Voilà un homme, Galerie Ulrich Mueller, Köln; Butterflöckchen, Galerie Peter Tedden, Düsseldorf
2011 Nachtgestalten, Galerie Peter Tedden, Düsseldorf (E); Nachtgestalten, Galerie Jos Art, Amsterdam (E)
2009 Galerie Jos Art, Amsterdam (E); Winzige Dinge…, Kulturbahnhof Herzogenrath (E);
NORDWEST KUNST, Kunsthalle Wilhelmshaven
Kunst im öffentlichen Raum / Temporäre Installationen
2021 Ausblühung, Kunst am Rand, Münster
2015 Cabinet, Open art Örebro, Schweden
2009 Tiny Things, Open art Örebro, Schweden
2005–2011 Nachtgestalten, Zeche Unser Fritz, Herne







