Ingrid Roscheck

By 25. August 2013Künstler

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Zurück aus Arkadien

Vom Hortus conclusus zum Vorgebirgspark

Der so genannte „Staudengarten“ im Kölner Vorgebirgs­park löste nicht erst bei Ingrid Roscheck poetische Assoziationen zu arkadischen Gefilden aus, wie wir sie von Dichtungen und Gemälden her kennen. Die kom­pakten, dunklen Zypressen ähnlich sehenden Eiben­bäume, sowie die rätselhaft verwaisten Steinposta­mente tragen nachhaltig zu diesem lyrischen Eindruck bei, den ein Hauch von Melancholie begleitet. In dieses natürlich gewachsene und von Gärtnerhand gepflegte Szenenbild für alltägliche Ereignisse stellt Ingrid Roscheck wie zufällig einen 2,40 Meter hohen und in der Grundfläche 163 x 100 cm messenden, quasi mobilen Wagen, so, als sei er gerade imaginär aus Arkadien zurückgekehrt, um in zwei kubisch motivierten Etagen und einer figurativen Darstellungsebene, die vollständig in dunkelgrün glasierter Keramik gestaltet sind, von jener paradiesischen Märchenwelt zu erzählen. Der dreigegliederte Wagenaufbau auf Rädern ähnelt entfernt einem Kabinettschrank, wie er in den fürstlichen Kunst- und Wunderkammern zur Aufbewahrung diverser Raritäten Verwendung fand, und den wir hier mit Ingrid Roschecks beliebter Thematik des ‚Vehikels‘ phantastisch kombiniert finden. Das Vergnügen, Geheimnisvolles zu entdecken und Verborgenes offen zu legen, ist jenen verschachtelten Vorläufern der Museen ebenso zueigen, wie den formenklaren Keramikgefäßen und figürlich gestalteten Miniaturräumen, die Roscheck in ihrem arkadisch motivierten Bildwerk grotesk ineinander fügt und wundersam miteinander kommunizieren lässt. Der Besucher des „Staudengartens“ ist rasch von dieser pittoresken Bildwelt en miniature in den Bann geschlagen, seine zum Allgemeinen neigende Wahrnehmung verwandelt sich in Aufmerksamkeit fürs Kleine. Er spürt das Inspirierende des Details und aktiviert betrachtend seine Sinne und Sinnlichkeit. Die ‚Kleinen Welten‘ des puppenstubenartigen Kunstwerks, die er nun mit kindlicher Neugier visuell erforscht, öffnen seine geheimen Innenwelten, denn das verlorene Paradies, wie man Arkadien auch bezeichnen kann, liegt allein in der menschlichen Psyche verborgen.

Wenngleich die untere Etage des hohen Bilderwagens, bestehend aus mehreren, 60 bis 80 cm hohen Keramikgefäßen, primär über deren glänzenden Außenseiten wahrgenommen wird, so verbirgt sich in den dunkelgrünen Tiefen dieses ‚architektonischen‘ Gefüges eine Art geordnetes Puzzle, ein Labyrinth aus akkurat zueinander gestellten keramischen Formen von verschiedener kubischer Gestalt, und zwar vom Zylinder, Kubus und Oval über Winkel- und T-Formen bis hin zu einem außerordentlich hohen Gefäß reichend, das im Zentrum des Ensembles mit seiner dekorativen ‚Halskrause‘ bis zur mittleren arkadischen Bilderwelt emporragt und ringförmig einen ‚tiefen Brunnen‘ assoziiert. Diese paradiesische Gartenebene (paradaisos, altpersische Bezeichnung für einen ummauerten Garten) erstreckt sich im toleranten Bereich menschlicher Augenhöhen und setzt sich aus verschiedenen, halb umschlossenen Räumen zusammen, die man auch als Zimmer, Grotten oder Theaterbühnen betrachten kann. Sie sind alle labyrinthisch miteinander verbunden und werden durch die Fugen der darüber gebauten ‚Oberwelt‘ hindurch – die aus ähnlich formminimalistischen Keramikplastiken besteht, wie sie die architektonische Basis auszeichnet – geheimnisvoll beleuchtet.

Beim staunenden Umschreiten und spähenden In-die-Knie-Gehen erhält der Betrachter Einblicke in kleine, wie aus Bruchsteinen gemauerte Grotten barocker Gartenkunst. In einem schützenden Halbrund ereignet sich eine ‚Galante Szene‘, das heißt: ein junges Liebespaar hat sich zu einem Tete-ä-tete auf eine Gartenbank zurückgezogen. Eine andere Grotte gleicht einem Hortus condusus phantastischer Blumen, und eine weitere Nische birgt ein mahnendes ‚Tödlein‘, also einen grinsenden ‚Freund Hein‘, dessen, zum Ernten bereite Sense mahnend über das Gemäuer ragt. Grüne Wände mit glotzenden Ochsenaugen, wie sie der Barock, jene höfische Epoche mit Sinn für rustikale, ‚arkadisch‘ verklausulierte Frivolitäten so liebte, beleben und gliedern Roschecks ‚Kleines Welttheater‘ ebenso wie keramische Hecken, mit blauen Glasmurmeln assoziativ verschmolzene ‚Kyklopenbäume‘ und eine winzige Bilderwand mit berühmten barocken Picknickgemälden, ironisch mit bronzenen Rähmchen dekoriert.

Ingrid Roschecks szenenreiches und zum Schmunzeln anregendes keramisches Kunstwerk löst im unmittelbaren visuellen Dialog zur Parkgestaltung sicherlich mancherlei subjektive Empfindungen aus, darunter vielleicht auch jene, dass wir Modernen dem längst verloren gegangenen Paradies nur durch eine respektierende Begegnung mit der Natur versöhnlich nachspüren können.

 Gerhard Kolberg

 Vita

1957—————-geb. in Oberhausen

1976 -1982 ——-Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Alfonso Hüppi

1978/79———–Studium an der American University in Kairo

1982/83———–Stipendium der Akademie für das P.S.l in New York

1986—————-Stipendium Kunstfonds Bonn e. V.

1991—————-Transfer-Stipendium NRW/ DDR

1993 -1995——-Gastprofessur an der Kunstakademie Münster

seit 2005———-Lehrauftrag für Skulptur an der Universität zu Köln

Einzelausstellungen, Projekte (Auswahl)

2005—————- „Orte ° Wandlungen ° Zimmer ° Sphären ° Arbeitsplätze“,

————————Kunstmuseum Magdeburg und Niederrheinischer Kunstverein, Wesel

—————-——-(„Vorrat und Weltkammer“) und Galerie Art Engert, Eschweiler

———————–(„Speicher, Trabanten, Wünsche“) und Galerie Konrad Mönter,

———————–Düsseldorf („Selbstcontainer“) und Kapitelsaal Kloster Wenau

———————–(„RaumTeiler“) und Kunstmuseum Mülheim/Ruhr

2003/04———-Ursula-Projekt“, Internet + CD

2002—————„Arbeitsplatz“, Krefelder Kunstverein

2000—————„Orte, Geschehnisse, Nachrichten & Vehikel“, Shed, Köln

1999—————„Kiosk – Wegekapelle“, HausDerKunstKöln

———————-„Orte, Geschehnisse, Modelle, Vehikel, Entwürfe“, Museum Schottische

———————-Häuser, Veere

1998—————-St. Ursula-Basilika, Köln (im Rahmen von „Lieblingsort: Köln“)

1997—————-Gothaer Kunstforum, Köln (mit Heribert C. Ottersbach)

1996—————-Kunstverein Eislingen

1994—————-Mannheimer Kunstverein und Städtische Galerie Museum Regensburg

1988—————-„Arbeiten auf Papier“, Museum

———————–Morsbroich, Leverkusen

———————–Artothek Köln

1984—————-Art Cologne, Förderkoje, Galerie Rolf Ricke, Köln

1982—————-„Das Innere der Plastik“, P.S.l, New York

Gruppenausstellungen(Auswahl)

2003—————-„Herbarium der Blicke – Deutscher Künstlerbund“,

———————–Bundeskunsthalle Bonn

2002—————-„Keramik 2002″, Stadt. Galerie Offenburg

2000—————-„Niederrheinische Uferlosigkeit“, Projekt Michael Jäger,

———————–Museum Katharinenhof Kranenburg

———————–„Terra Arte“, Kunstverein Röderhof

1995—————-„Das Lied von der Erde – Kunst aus Keramik“,

———————–Bayerischer Kunstgewerbeverein, München

1991—————-„praemoderne“, Lübecker Str., Köln

—  ——————–„Im Lärm der Stadt – Kunst im öffentlichen Raum“,

———————–Sprengel Museum, Hannover

———————-„Transfer“, Stadt. Galerie Schloß Oberhausen, ————————-

                          Kunsthalle Rostock

1989—————4. Triennale für Kleinplastik, Fellbach, Pecs
1985
—————-„panorama anni 80″, Arte Fiera di Bologna
1983—————-P.S.l , New York (mit Rainer Barzen)
1982—————-„between 9″, Kunsthalle Düsseldorf

 Adresse

Niehler Kirchweg 124

50733 Köln

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