Der Titel, den Carsten Gliese für seine Arbeit im Vorgebirgspark gewählt hat, kann beunruhigende Vorstellungen hervorrufen: Das Wort „Parasit“, das im Griechischen „einer, der bei anderen isst“ bedeutet – zu gut deutsch: ein Schmarotzer – kennt man insbesondere aus der Biologie. Man denkt zum Beispiel an Würmer oder Insekten, die ihre Eier im Körper ihrer Wirte ablegen, wo sich der Nachwuchs von deren Organen ernährt und dadurch schwere Krankheiten hervorruft. Wenn man jedoch Carsten Glieses Arbeit sieht, die an dem Stamm eines der Bäume zwischen Staudengarten und Wasserbecken befestigt ist, regis- triert man schnell, dass er komplett auf diese biologische oder organische Anspielungen verzichtet. Sein „Parasit“ sieht erstaunlich rational und konstruktiv aus: ein komplexes Gebilde aus rechteckigen, teils quadratischen, in mehreren Ebenen übereinandergeschichteten Platten. Das Konstrukt legt sich wie eine Ummantelung um den Baumstamm, an den es sich anzuklammern scheint. (Tatsächlich wird es, unsichtbar für die Betrachter, von einer mit Spannrahmen am Baumstamm befestigten Halterung getragen). Im unteren Drittel erreicht es seine stärkste, wulstartige Ausdehnung, am oberen Ende kragt es nach außen auf, öffnet sich trichterartig nach oben hin. Beim Umschreiten der Arbeit stellt man fest, dass sie achteckig und rotationssymmetrisch angelegt ist, was bedeutet, dass sie acht gleiche Anblicke bietet. Symmetrie ist seit der Antike ein wichtiges Schönheitsmerkmal in der Kunst. Und formschön, klar und harmonisch präsentiert sich diese Skulptur in der Tat. Doch mit der Schönheit übertreibt es der Künstler wiederum auch nicht, denn er wählte bewusst ein ästhetisch wenig ansprechendes, eher neutrales Material für seinen „Parasiten“: mitteldichte Faserplatten, kurz MDF genannt. MDF besteht aus gepresstem, mit Leim und diversen chemischen Zusatzstoffen vermengten, zermahlenen Holzfasern – ein industriell gefertigtes Endprodukt von Holz, das vorwiegend architektonisch, im Innen- und Dachausbau, verwendet wird. Als solches steht das Material in denkbar großem Kontrast zu der lebendigen, naturwüchsigen Form des Baumes, an dem der „Parasit“ hängt. Formal wird der Materialkontrast durch die glatte, konstruktive, geradezu architektonisch anmutende Strenge der Skulptur im Unterschied zur schrundigen, von Moos und Flechten besiedelten Oberfläche des Baumstamms bestätigt.
BILDGALERIE
"Parasit"
Glieses „Parasit“ ist nicht der erste seiner Art. Schon in den Jahren 2007 und 2008 versah er einige Arbeiten mit diesem Titel. Die früheren „Parasiten“ waren in Innenräumen platziert, wo sie sich an funktionale Architekturelemente wie Pfeiler und Brüstungen anlagerten: nichtfunktionale Erweiterungen, die aber in ihrem konstruktiv-architektonischen Äußeren die Formensprache ihrer Umgebung perfekt adaptierten. Der „Parasit“ im Vorgebirgspark ist der erste, der mit einer Naturform verbunden ist. Auch er wirkt modell-haft, wie die geometrisch-architektonische Simulation eines organischen Gebildes. Die Idee dazu ist von den Pflanzenfotografien des Bildhauers und Fotografen Karl Blossfeldt angeregt, wie er sie in seinem berühmten Buch „Urformen der Kunst“ von 1928 publizierte. Blossfeldts stark vergrößerte Nahaufnahmen von Pflanzenteilen vor neutralem Hintergrund – Blüten, Ranken, Knospen, Stängel und so weiter –, lassen die organischen Formen wie Artefakte aussehen, wie Ornamente, kunsthandwerkliche Gegenstände oder Architekturteile. Das Blossfeldt-Foto, das Gliese zur Verdeutlichung seiner Intention hier abgebildet hat, zeigt einen Winter-Schachtelhalm (Equisetum hyemale). Einer der Abzüge dieser Aufnahme trägt die Aufschrift: „Die Natur als Architektin: / eine jahrmillionen alte Architektur form“ (im Original zitiert). Während Blossfeldt also das Architektonische in der Pflanze aufspürt, die Naturform als Kunstform liest, dreht Gliese diese Idee gewissermaßen um und spiegelt der organischen, lebendigen Form des Baums eine geometrisierende Kunstform zurück, die sich „parasitär“ mit ihm verbindet.
– Peter Lodermeyer –
VITA
Carsten Gliese
1995 Akademiebrief (Diplom), Meisterschüler
1988 Studium der Freien Kunst, Kunstakademie Münster
seit 1995 Freier Bildender Künstler, Ausstellungen im In- und Ausland
seit 2014 Professor für Fotografie/Medienkunst, HBK Essen
Ausstellungen
2022 “Ansichtssachen”, Regionalverband Ruhr, Essen;
“Größenverhältnisse”, AKKU, Künstlerbund Baden-Württemberg, Stuttgart
2020 Vom Aufspüren, Suchen und Sammeln, 75 Jahre Osthaus Museum Hagen
2019 Ein Fest für die Augen, Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster
2018 Verortung, Stadtmuseum Münster
2017 Herzstücke, Galerie Münsterland, Emsdetten
2015 Konnexion, Forum für Kunst und Architektur Essen
2014 Ornamental Structures, Kooperationsausstellung Flottmannhallen, Herne
RaumStrategien, Raum & Objekt, Teil XI, Kunstverein Gelsenkirchen
2011 Hachmeister Galerie, Münster (Einzelausstellung)
2010 White Square Gallery, Berlin (Einzelausstellung)
2009 Arbeitslicht, Stadtgalerie Saarbrücken (Einzelausstellung)
2009 Polska-Niemcy 4:6, Galerie für Zeitgenössische Kunst BWA, Kattowitz, Polen
Bild und Bauen, Galerie Barbara Oberem, Bonn
2008 Parkhaus, Kunsthalle Düsseldorf
2007 Blind Date, Zhu Qizhan Art Museum, Shanghai
Glänzender Asphalt, Räume der Großstadt, Europa-Center, Berlin
2006 Modell Osthaus, Osthaus Museum Hagen (Einzelausstellung)
2005 Objekt_01, Objekt_02, Kunstverein Museum Schloß Morsbroich (Einzelausstellung)
2004 Zwischenbebauungen, Kunstmuseum Unser Lieben Frauen, Magdeburg (Einzelausstellung);
onbegrensd/unbegrenzt, Roger Raveelmuseum, Belgien; Domestizieren, Kunstverein Ahlen
2003 Mit Sinnen, Skulpturenmuseum Marl
2000 Modell Heidelberg, Heidelberger Kunstverein (Einzelausstellung)
1999 2 Captains – 1 Mission, Städtische Ausstellungshalle, Münster
1998 Transfer, Museum Dunikowskiego w Królikarni, Warschau; Galeria & Fundacja Wyspa Progress,
Danzig; Bunkier Sztuki, Krakau, Museum Bochum; Von der Heydt-Museum, Wuppertal;
Moltkerei Werkstatt, Köln
Preise
2010 Leo Breuer-Preis, Bonn
2005 Karl Ernst Osthaus-Preis, Hagen
2003 Förderpreis der Stiftung Kunst und Kultur der Stadt Magdeburg
2001 Kunstpreis Münsterland, Förderpreis
2000 Ordo-Preis, Rauminstallation
1997 Transfer, Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit NRW
Stipendien
1998 Kulturförderstipendium der westfälischen



