„Die Arbeit soll immer lebendig bleiben“, sagt die Künstlerin Homa Emami und deutet damit an, dass sie ihre Installation im Vorgebirgspark jederzeit noch verändern könnte, wenn die Umstände es erfordern. Die Künstlerin behält sich die Möglichkeit vor, auf die situativen Umstände wie Wetter, Lichtverhältnisse, Zuschauerreaktionen, Stimmungen einzugehen und in ihrer Arbeit auch während der Ausstellung noch Elemente hinzuzufügen, wegzunehmen oder abzuändern. Dieses Moment der Offenheit, der Veränderlichkeit, auch des Performativen ist von großer Bedeutung für die künstlerische Haltung von Homa Emami. Sie konzipiert ihre Arbeit prozessual, sieht sie also nicht als abgeschlossenes „Werk“ an, sondern vielmehr als ein lebendiges Geschehen. Bei dieser Haltung kann es nicht verwundern, dass Emami sich gerade jenen Teil des Vorgebirgsparks für ihre Arbeit ausgesucht hat, der das veränderlichste und offenste Element enthält: das langgestreckte Wasser- becken im sogenannten Rosengarten. Auch wenn es sich hier freilich um ein stehendes, kein fließendes Gewässer handelt, ist die Wasserfläche doch immer in Bewegung, wird von jedem Windzug gekräuselt, von spielenden Kindern und durstigen Hunden aufgewühlt. Auf dieser instabilen, beweglichen Fläche will die Künstlerin schreiben, so kündigt es der Titel ihrer Installation an: „Writing on Water“. Der Titel klingt geheimnisvoll, reichlich paradox und macht dementsprechend neugierig. Doch zunächst einmal ist zu bemerken, dass es im Becken ein fixes Motiv gibt: ein nostalgisch anmutendes Bettgestell aus Stahlrohr, das die Künstlerin in einem mittleren Grau angestrichen hat, damit es sich farblich gut in die Umgebung einfügt. Das Bett ist in der Längsachse des Beckens so aufgestellt, dass seine verzierten Kopf- und Fußteile aus dem Wasser ragen. Der Rahmen hingegen liegt unter Wasser, es gibt keinen Lattenrost, und erst recht keine Matratze, Bettwäsche oder dergleichen. Das nackte Rahmengestell wirkt in seiner formalen Klarheit zeichenhaft – und in der Tat kann man es kaum betrachten, ohne sogleich die Vorstellung zu haben, dass es im Becken versinkt oder aber, umgekehrt, von dessen Grund her aufsteigt. Die Präsenz des Bettes im Wasserbecken eines öffentlichen Parks, umgeben von blühenden Teichrosen, hat etwas Unwirkliches, Surreales. Unwillkürlich denkt man an Schlaf und Traum und sucht nach entsprechenden symbolischen Bezügen. Bekanntlich ist Wasser eines der geläufigsten Symbole für das Unbewusste. Mit der Präsenz des Bettes im Wasserbecken wird diese Bedeutung aufgerufen und durch die Assoziation von Schlafen und Träumen verstärkt. Wenn sich das Bettgestell bei Windstille in der Wasseroberfläche spiegelt und gleichsam verdoppelt, ragt eine Hälfte real in die Luft, während die andere, virtuell und kopfüber in die Tiefe führt. Das erinnert an die Dualität von Wachen und Schlafen, von Tagesrealität und Traum. Bemerkenswerterweise wird dies durch die jugendstilartige Ornamentik des Bettgestells noch bestätigt: Zwischen den Bett-pfosten sind an Kopf- und Fußteil jeweils vier große Spiralen zu sehen. Diese sind immer abwechselnd rechts- und linksdrehend angeordnet und führen somit den Blick einmal von außen in die Mitte und einmal aus dem Zentrum heraus wieder nach außen. So wird auf völlig abstrakte Weise der Rhythmus von Einschlafen und Aufwachen angedeutet.
BILDGALERIE
"Writing on Water"
Wer genauer hinschaut, wird auf dem Gestänge des Bettgestells kleine unregelmäßige Formen entdecken, die dessen perfekt symmetrisches Erscheinungsbild auf subtile Weise stören. Es handelt sich um Hinzufügungen aus grauem Lehm, die Homa Emami auf und zwischen die Streben und Ornamente des Bettes gesetzt hat, teils vereinzelt oder paarweise, großenteil aber in ganzen Gruppen. Diese mit den Händen bearbeiteten, nicht völlig amorphen, aber auch nicht wirklich gestalteten Lehmgebilde scheinen sich wie Tiere auf das Metall gesetzt zu haben, als wären sie vor dem Wasser geflüchtet. Oder handelt es sich um materialisierte, halb bewusste, zwischen Form und Formlosigkeit schwebende Gedanken und Träume? Vielleicht geht es um den Traum von einem Zuhause. Das wäre ein Thema, das die im Iran geborene, seit 1986 in Deutschland lebende Künstlerin stetig umtreibt. Aber was hat es nun mit dem im Titel angezeigten Schreiben auf dem Wasser auf sich? Außer dem stabilen Gefüge des Bettgestells hat Homa Emami ihrer Installation eine ganze Reihe leichter, schwimmfähiger Elemente hinzugefügt, mit denen es ihr tatsächlich gelingt, im buchstäblichen Sinne auf, ja sogar mit Wasser zu schreiben. Das Medium, das sie sich dafür überlegt hat, ist ebenso einfach wie effektiv: Die Künstlerin hat schmale Streifen weißer Schaumfolie genommen und mithilfe von Schablonen Blockbuchstaben hineingeschnitten, die sich zu sinn-haften Wörtern zusammenfügen. Die Buchstaben sind also Negativformen innerhalb der weißen Strei-fen. Wenn man die Wörter liest, die sie bilden, sieht man ihre Form ausgefüllt mit Wasser. THIS IS und THIS IS NOT steht auf einigen der schwimmenden, vom Wind bewegten Folien, auf anderen die Wörter FANTASY, TRUE, A DREAM, REAL. So können sich zufällig, vor allem aber in der Vorstellung der Betrach-ter einfache Sätze ergeben wie: THIS IS TRUE oder THIS IS NOT REAL, aber auch komplexere Aussagen wie THIS IS NOT TRUE, THIS IS A DREAM. Ob man das Demonstrativpronomen „this“ auf die Installation selbst bezieht oder weiter fasst, auf Kunst und Leben oder was auch immer, bleibt allein der Phantasie der Parkbesucher überlassen.
– Peter Lodermeyer –
VITA
Homa Emami
1955 geboren in Shahabad Gharb – Islamabad (Iran)
1979 Abschluss des Studiums an der Teheraner Universität,
Fakultät der Schönen Künste (Fachbereich Bildhauerei)
1989 – 93 Werkkunstschule / FH Köln bei Prof. Dank
seit 1995 Dozentin an der Kunst- und Musikschule Brühl
seit 1986 Aufenthalt in Deutschland, lebt und arbeitet in Köln und Brühl
Einzelausstellungen (Auswahl)
2024 NOW – PERFORMATIVE WIP, NICO & Bohde Fenster, Köln
2022 Track of Time, MOUNTAINVIEW Gallery, FUHRWERKSWAAGE, Köln; Work in Progress, Bohde Fenster, Köln
2020 Archäologie der Gegenwart, St. Gertrud Kirche+Kultur, Köln
2017 Galerie Aaran Projekts, Teheran; Museum Zündorfer Wehrturm, Köln
2015 Im Labor der Zeichen und Dinge, Frauen Museum Bonn
2006 Kapelle der Rheinischen Kliniken, Mönchengladbach
2003 Kunstverein Brühl
2002 Kurfürstliche Gärtnerhaus Bonn
2001 Bochumer Kulturrat e.V.
1998 Galerie Am Werk, Leverkusen
1997 Galerie Rottloff, Karlsruhe
1996 Galerie Rottloff, Karlsruhe; Galerie Zimmermann und Franken, Mönchengladbach
1992 Schlossgalerie Brühl
1991 Rathausgalerie der Stadt Brühl
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2023 Woman Life Freedom, Saarländische Galerie, Berlin; Woman Life Freedom, Saarlandmuseum
Moderne Galerie, Saarbrücken; Strand for Woman, Collective art show, New York;
Ästhetik des Widerstands, KünstlerForum, Bonn; Woman Life Freedom, Kunsthaus -Troisdorf;
Schwarz Weiss, Kunsthaus -Troisdorf
2021 Reset, Kunstmuseum Ahlen
2019 Zehn mal Zehn, Frauen Museum Bonn
2018 Galerie Aaran Projekts, Teheran; Frauen Museum Bonn
2016 Über Grenzen wachsen, Kunsthaus Troisdorf
2015 Frauen in Krieg und Frieden, Frauen Museum Bonn
2013 Piccolo, Kunsthaus Troisdorf; EVO Weltreligionen, Frauen Museum Bonn
2012 Das Grüne Haus, Frauen Museum Bonn
2011 Kunstraum 21, Köln
2002 Galerie Bastiaans – NL; Museum of Contemporary Art, Teheran
2001 Galerie Rottloff, Karlsruhe; Galerie Bastiaans – NL; Kunstwerk Köln
2000 Museum für Alltagsgeschichte Brühl; Sedimente, Städtisches Museum Siegburg
1999 Galerie Bastiaans – NL
1998 Galerie Rottloff, Karlsruhe
1997 Rathausgalerie der Stadt Brühl; Galerie Bastiaans – NL; Kunst RAI mit Galerie Bastiaan, Amsterdam -NL
1995 Köln Kunst (4) Josef-Haubrich-Kunsthalle Station Skeiderhus (Schweden)
1994 Stapelhaus (BBK Köln)