BILDGALERIE

"Earth 05.141 Forest 42.137 Heaven 31.056"

Das Thema Landschaft steht seit vielen Jahren im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses von Matthias Surges. Bekanntlich ist die große Zeit der Landschaftsmalerei, gegen Ende des 18. und wäh-rend des 19. Jahrhunderts, vor allen bei den Malern der Romantik und später des Impressionismus, längst vorbei. Das nüchterne Naturverständnis der Moderne, der Siegeszug von Wissenschaft und Technik und die Verlagerung der Lebensräume in die großen Städte sind nur einige der Gründe dafür, dass Natur und Landschaft in der Gegenwartskunst nur noch eine marginale Rolle spielen. Was Matthias Surges inte-ressiert, ist genau die Frage nach den Veränderungen im Landschaftsverständnis, das Nachdenken darüber, was Landschaft als ästhetisches Phänomen überhaupt ausmacht, und wie sie sich mit heutigen Mitteln noch künstlerisch artikulieren lässt. Mit dieser Ausrichtung – gewissermaßen auf einer Metaebene der Landschaftskunst – ist Surges‘ Arbeit in hohem Maße konzeptuell und analytisch aufgestellt. Matthias Surges geht es nicht um die Darstellung konkreter Landschaften, sondern um die Befragung des Kon-zepts „Landschaft“ überhaupt. Als Malerei kann man seine Arbeit allenfalls in einem stark erweiterten Sinne bezeichnen, denn seine künstle-rische Praxis schließt, neben der ungebrochenen Wichtigkeit des Faktors „Farbe“, auch dreidimensionale und raumgreifende installative Mittel ein. All das lässt sich gut an seinem Beitrag für die Vorgebirgspark Skulptur 2024 ablesen. In einen 3,36 Meter hohen, stabilen Rahmen aus Aluminiumrohren ist ein hochrechteckiges PVC-Banner eingespannt und mit weißem Kabelbinder fixiert. Auf der weißen Grundfläche sind drei horizontal erstreckte Farbfelder aufgedruckt: unten ein mittleres Braun, darüber ein kräftiges Grün, oben ein sattes, nicht zu strahlendes Blau. Wie ein deplatziertes Werbe- oder Bauinformationsbanner steht das Objekt im Staudengarten, dem südlichsten der vier Sondergärten des Vorgebirgs- parks, mitten auf der von hohen Bäumen umgebenen Wiese, wo es einen schon von Weitem auffallen- den Kontrast zu seiner Umgebung bildet. Aus der Nähe sieht man, dass den drei Farbfeldern Wörter und Zahlen beigegeben sind. Von unten nach oben gelesen, fügen sie sich zu dem sperrigen Titel der Installation: „Earth 05.141 Forest 42.137 Heaven 31.056“.

Surges bricht mit dieser Dreiteilung das typische Erscheinungsbild traditioneller Landschaftsdarstellungen auf ein grundlegendes Schema herunter. Für die übergroße Mehrheit der Landschaftsgemälde gilt, dass sie dreiteilig aufgebaut sind: unten die Bodenzone, oben der mehr oder minder bewölkte Himmel, dazwischen das Hauptmotiv: Hügel, Berge, Seen, Blumenwiesen, Wasserfälle, Felder und so weiter. Bei Surges eben: Erde – Wald – Himmel.Unvermeidlich bringt man diese Trias in Verbindung mit der umgebenden Parklandschaft: dem grasbewachsenen Boden, den Parkbäumen ringsum und dem Himmel darüber. Wichtig ist, dass die drei Farbfelder nicht unmittelbar aneinanderstoßen, um so eine abstrakte Landschaftsdarstellung simulieren. Sie stehen vielmehr unverbunden auf der weißen Hintergrundfläche, die gewissermaßen einen Denk- oder Vorstellungsraum öffnet, vergleichbar einem weißen Blatt Papier, auf dem Informationen notiert werden. Landschaft ist hier eben nicht abgebildet, sondern als bloße Vorstellung aufgerufen. Ein Rätsel stellen die fünfstelligen Zahlen dar, die rechts oben über den jeweiligen Farbfeldern stehen.

Handelt es sich um Koordinaten oder codierte Zahlen, die sich mit etwas Mühe und Geduld entschlüsseln ließen? Die schnellste Methode der Informationsbeschaffung heutzutage heißt Google. Wer etwa „Forest 42.137“ in sein Smartphone tippt, wird sofort fündig. Tatsächlich handelt es sich bei den Zahlen um Farbcodes von swingcolor® Mix, einem Hersteller von Lack-, Wand- und Fassadenfarbe, die man in Baumärkten kaufen kann. Jeder einzelne standardisierte Farbwert auf deren Farbkarte ist durch eine Zahlenfolge identifizierbar. Solche Farbkarten werden von zahlreichen Firmen angeboten. Für Matthias Surges war interessant, dass der Hersteller seine 960 verfügbaren Farbtöne in 16 sogenannten „Farbwelten“ kategorisiert, „orientiert am größten Farbgestalter, den wir kennen: Mutter Natur“, wie es auf der Firmenwebsite heißt. Neben Earth, Forest und Heaven wären sicher auch noch Beach, Snow oder Pacific brauchbar für das Konstruieren gänzlich schematischer dreiteiliger Landschaftsbilder. Die drei Farbfelder auf seinem Banner entsprechen in ihren Ausmaßen genau ihren Proportionen auf der Farbkarte des Herstellers. Matthias Surges hat mithilfe der industriell produzierten Farben eine Methode gefunden, wie man standardisierte Versionen von „Landschaft“ konstruieren kann. So wird einem bewusst: Landschaft als ästhetisches Phänomen ist immer eine Konstruktion. Das Verfahren lässt sich in beliebiger Größe und auf verschiedenen Bildträgern, auf Papier oder Leinwand, auf Zimmer- und Hauswänden oder eben auf Werbebannern realisieren. Somit passt es in unsere Zeit, in der Natur kaum mehr unter dem romantischen Vorzeichen von Sehnsucht und Gefühl, sondern allzu oft nur noch im naturwissenschaftlich-technischen Sinne auf Messbarkeit, Bestimmbarkeit und Beherrsch- barkeit hin betrachtet wird. Erstaunlich nur, dass die blauen Industriefarben mit dem religiös konnotierten Begriff „Heaven“ statt mit „Sky“ bezeichnet sind. Ein Lapsus, der aus mangelnden Englischkenntnissen resultiert? Ob Surges‘ Arbeit nicht doch eine Spur Ironie in sich trägt? Ironisch genug ist es jedenfalls, dass der Künstler die Materialien für „Earth 05.141 Forest 42.137 Heaven 31.056“ in einem Baumarkt gekauft hat, der den kunsthistorisch wohlbekannten Namen BAUHAUS trägt und so an die berühmte, 1919 von Martin Gropius gegründete Kunstschule erinnert, in der Kunst, Handwerk und Leben miteinander versöhnt werden sollten. – Peter Lodermeyer –

VITA

Matthias Surges
Geboren 1959 in der Eifel
1981-84 Studium der Kunsterziehung und Deutsch an der Universität Bonn
1984-92 Studium der Freien Kunst an der FH für Kunst & Design, Köln
bei Prof. Stefan Wewerka und Jörg Immendorff
Stipendien und Preise
1987 Stipendium der Stadt Bonn
2019 Update Cologne
2020/21 Projektstipendium des MKW des Landes NRW (Auf geht’s)
2022 Neustart Kultur, Stiftung Kunstfonds
Einzelausstellungen
2019 Update Cologne, (mit Heiner Blumenthal), Michael Horbach Stiftung, Köln
2018 Mein Standort, 51°20’12.82‘‘N, 08°07’08.79‘‘O, Kunstverein Sundern
2014 one night stand, Installation, 10qm, Kunstprojekt im öffentlichen Raum, Köln
2011 Rauminstallation, Kiosk 24, Herford
2008 Transit, TZR-Galerie, Kai Brückner, Düsseldorf
2005 Kieferngrün, TZR-Galerie, Kai Brückner, Bochum
Farbreliefs, Kunstraum 28/30, Köln
Ausstellungsbeteiligungen
2023 The Invention of Nature, Raum MG 16, Köln
2022 Die GROSSE, NRW Forum, Düsseldorf
2021 asap- we must hurry to slow down, kunstraum hase 29, Osnabrück
Kunst und Kultur in Zeiten der Pandemie/ Statements, Schaufensterprojekt,
Kunstverein Sundern
2014 Stückwerk, (mit Andreas My und Matthias Stuchtey), Kunstverein t27, Berlin-Neukölln
2013 Schnittmenge, (mit Andreas My und Matthias Stuchtey), Kunstwerk, Köln
2011 Die GROSSE, Museum Kunstpalast, Düsseldorf
2008 Jahresgaben, Kunstverein Braunschweig
Taeh-Wa Art, (Skulpturenprojekt), Ulsan/ Südkorea
2007 Stop over, Positionen zeitgenössischer Skulptur, Samuelis/Baumgarte Galerie, Bielefeld
1992 Bonner Künstler in St. Petersburg, Manege, St.Petersburg
1989 Links, Museum of Modern Art, Oxford
1987 Stipendium der Stadt Bonn, Kunstmuseum Bonn
1984 Wandmalerei im Auswärtigen Amt, Bonn

www.matthias-surges.de
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