BILDGALERIE

"Traum"

Ein wichtiges Prinzip im Konzept der Vorgebirgspark Skulptur besteht darin, die Definition dessen, was als Skulptur (oder als Plastik, als Bildhauerei) gelten soll, so weit wie nur möglich zu fassen. Alles, was sich dreidimensional im Parkgelände präsentieren lässt, kommt theoretisch in Frage. Daher werden zu dieser Veranstaltung keineswegs nur Kunstschaffende eingeladen, die sich dezidiert als Bildhauer ver-stehen. Es ist durchaus erwünscht, dass auch Künstler und Künstlerinnen zum Zug kommen, die von der Malerei, der Grafik, der Fotografie, Performance, Architektur oder Klangkunst/Musik herkommen. Mit Rolf Steiner aus Köln ist erstmals ein Künstler eingeladen, der im Grenzbereich zwischen Bildender Kunst und Literatur arbeitet – und so ist es nicht verwunderlich, dass sein Beitrag primär textueller Natur ist. Was die Literatur mit der Skulptur verbindet, ist die Tatsache, dass die Worte, um vom Sender zum Empfänger zu gelangen, in irgendeiner Weise materielle Gestalt annehmen, zu „Dingen“ im Raum werden müssen, ob als Klang (Schallwellen, bewegte Luft), Tinte auf Briefpapier, bedruckte Buchseiten, digitale Entitäten auf Smartphone oder Tablet oder – heutzutage beinahe anachronistisch – Buchstabe für Buchstabe zusammengesetzt, ob aus Gutenbergs beweglichen Lettern oder (eine Erinnerung aus Kindertagen) den einzelnen Nudeln der Buchstabensuppe. Ein ähnliches Prinzip verfolgt Rolf Steiner, indem er im zentralen, von Steinplatten eingefassten Beet des Staudengartens aus zahlreichen Holzbuchstaben ein subtiles Textbild erscheinen lässt, Extrakte eines Traums, den er eigens für diesen Ort geschrieben hat. Dieser Text reflektiert die existenzielle Erfahrung eines operativen Eingriffs am Herzen, der für ihn während der Vorbereitung auf die Vorgebirgspark Skulptur notwendig geworden war. Aus diesem Erlebnis heraus und mit dem Gedanken an den Staudengarten des Vorgebirgsparks entstand ein sozusagen mit offenen Augen geträumter, poetischer Traum, in dem die Operation des Nachts auf einer Lich- tung stattfindet und die herbeieilenden Waldvögel dem Patienten wohlwollend zur Seite stehen. Am Boden sind Teile des Textes mithilfe der Holzbuchstaben ausgelegt, aber diese sind nicht streng in Zeilen angeordnet, sondern verbinden sich zu unregelmäßigen Linien, die über das Rechteck des mit Gras bewachsenen, unbepflanzten Beets zu fließen scheinen und sich in der Summe zu einer ungefähr ovalen Gesamtform addieren. An einzelnen Stellen bilden sich zudem clusterartige Verdichtungen und Buchstabeninseln. „Traum“ reiht sich in eine lange Reihe von Arbeiten ein, die Rolf Steiner als Text-zeichnungen versteht. In diesen Arbeiten sind der Text und seine bildliche Anordnung zu einer Einheit verschmolzen. Textzeichnungen hat Steiner in unter- schiedlichen Medien gefertigt, zum Beispiel mit mechanischer Schreibmaschine auf Papier oder in verschiedenen grafischen Techniken gedruckt, zuweilen in Kombination mit Fotografie, oder er hat auch einmal mit Goldfarbe und Pinsel die Fenster einer Kirche in Hannover beschriftet. Sein Beitrag im Vorgebirgspark ist nun seine erste Textzeichnung, die dreidimensional angelegt ist, auch wenn die Holz- buchstaben nur wenige Millimeter dick sind. Wenn man „Traum“ unbedingt einer traditionellen bildhauerische Gattung zuordnen wollte, könnte man von einem Flachrelief sprechen.

Ein zentrales Merkmal von Steiners Textzeichnungen ist die stark eingeschränkte Lesbarkeit der Schrift. Um Teil des Bildes zu werden, muss der Text tenden- ziell seine Bedeutung verlieren. Damit wird seine Materialität und visuelle Gestalt gegenüber seinem semantischen Gehalt betont. Die sachlich-modern wirkenden serifenfreien Buchstaben, die Rolf Steiner für „Traum“ verwendet, sind mit ihrer klaren Form und der hellbeigen Farbe gut erkennbar und mit je etwa fünf Zentimetern Höhe auch groß genug, um von den Besuchern ohne Weiters identifiziert werden zu können. Durch die Fragmentierung des Textes und die teils aus der Linearität herausspringende Platzierung der Buchstaben ist die Lesbarkeit stark eingeschränkt. So wird der Text als ein stilles, unaufdringliches Bild, als zartes Liniengefüge erfahrbar, was durch die Rahmenform der flachen Sandsteinplatten noch begünstigt wird. An einer Stelle geht eine Text-linie über das grüne Rasenrechteck hinaus und erstreckt sich bis auf die Steineinfassung. Dies kann man als Einladung an die Betrachter verstehen, sich das Ganze in die Vertikale hochgeklappt vorzustellen, als ob das unregelmäßige Oval der Textzeichnung an dieser Stelle mit einem Faden in den Rahmen eingehängt worden wäre. Grundsätzlich stellt Rolf Steiner seinen Textzeichnungen stets den eigentlichen Text in lesbarer Form zur Seite. So bleiben der Text als Bild und der Text als Text auf- einander beziehbar. Das Kunstwerk besteht immer aus der Beziehung dieser beiden Darreichungsformen zueinander. Daher präsentiert Steiner im Vorgebirgs-park den „Traum“- Text in ganzer Länge auf einem Notenständer, sodass man ihn ergänzend zu den Fragmenten am Boden hinzuziehen kann. Er ist einige Meter abseits, im Schatten der Bäume, so positio-niert, dass man, wenn man ihn liest, mit dem Rücken zu der Textzeichnung am Boden steht. Man kann also die beiden Erscheinungsformen des Traum-Textes nie gemeinsam in Augenschein nehmen und ist angehalten, immer die Erinnerung der einen Variante der anderen hinzuzufügen. Mit der Kenntnis des ganzen Textes fallen dann einzelne Textfragmente, etwa Wortkonstellationen wie AMOFF/EN/EN HER/ZEN in ihrer Bedeutung umso mehr ins Gewicht.

– Peter Lodermeyer –

VITA

Rolf Steiner
1951 geboren in Köln
1972-1978 Psychologiestudium, Marburg, Diplom
1978-1986 Ein-Mann-Theater, Tourneen durch die deutschsprachigen Länder.
Super 8 und 16 mm Filme. Seitdem Grenzgänger zwischen Wort und Bild
Literatur (Auswahl)
1990 Der Luftlochschläger, Roman, Juni Verlag, Mönchengladbach
1994 Schukrut, Roman, Alano Verlag, Aachen
1998 Das Totenmahl, Erzählungen, Kowalke & Co. Verlag, Berlin
2009 Als ich schaute was ich sah staunte ich nicht schlecht, Edition Wasserburg, Kleve
2017 Der Holunderkönig – von einem, der auszog, Peter Handke zu treffen, Haymon Verlag
Künstlerbücher (Auswahl)
2022 Im Knopfladen, Hörspiel, Edition FU
2020 Ins Offene, Roman, Bleistiftzeichnungen / Ölbilder von P. Schmersal, Edition FU
2014 Spaziergang mit Rosalie, Zeichnungen von N. Prangenberg, Kettler Verlag, Dortmund
2002 Die weite Welt, 9 Reisetexte, von 9 Künstlern bearbeitet. (Kassette mit Buch)
1988 Andritsena, Erzählung, Linolschnitte von N. Prangenberg, Bismarck Verlag, Bremen
Einzelausstellungen (Auswahl)
2024 Der Hirte der Illusion 3, fotografische Selbstporträts und Texte, Richas Digest, Köln
2022 Mein Jahr in der bestmöglichen aller Welten, Leibniz-Universität, Hannover
2020 Das Wort, es bildet mir die Welt, Neustädter Hof- und Stadtkirche, Hannover
2018 Der Hirte der Illusion, Fotografische Arbeiten, Texte und Performance, Moltkerei, Köln
2017 Lang ist’s her und kurz wird’s werden, Kunstverein Oberwelt, Stuttgart
2016 Als ich schaute was ich schrieb, Herzog August Bibliothek , Wolfenbüttel
2015 Quadrat soll Kreis, Text soll Bild werden! Kunst- und Museumsbibliothek, Museum Ludwig
2014 Die sieben Weltmeere, Kunstverein Hechingen
2013 Was geschiehet es sei gesegnet dir, Kunstverein Ludwigsburg
2010 Aurora streut Blüten in die Nacht, Maternushaus, Köln
2002 Die weite Welt, Kassette mit 9 Textblättern, Literaturhaus Köln
1998 Sechs Orte, Galerie ON, Köln
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2025 Traum, Vorgebirgsparkskulptur, Köln
2022 Der Hirte der Illusion 2, Salon der Freunde, Horbach Stiftung, Köln
2013 Als ich schaute was ich sah staunte ich nicht schlecht II, Ölbilder, Holzreliefs, Linolschnitte,
Fotoarbeiten (zusammen mit Norbert Prangenberg), Villa Zanders, Bergisch Gladbach
Blumen zum Geburtstag, Klingspor Museum, Offenbach
2006 Als ich schaute was ich sah staunte ich nicht schlecht, Artothek München
2004 Die weite Welt, Künstlerbücher, Mappenwerke, Zeichnungen, Museum Ludwig, Köln

www.rolf-steiner.de