BILDGALERIE

"ARILLI"

Das Erste, was man von Linda Nadjis Installation im Immergrünen Garten wahrnimmt, ist ein ungemein leuchtendes Rot. Schon aus großer Entfernung ist es fast überall im Park in starkem Kontrast zu den grün-braun-gelben Naturtönen der Büsche, Bäume und Rasenflächen zu sehen. Ihre Leuchtkraft sichert dieser Arbeit eine enorme Fernwirkung. So erstaunlich die hohe Intensität der roten Farbe auch ist, so gewöhnlich ist das Material, an dem sie erscheint: simple Stretchfolie aus Polyethylen, wie sie zur Verpackung von Transportgütern benutzt wird. Die Künst- lerin verwendet lange Bahnen dieser Folie, um die vier verwaisten, zwischen hohen Eiben postierten Sockel, die in der Frühzeit des Parks einmal mit neobarocken Skulpturen bestückt waren, über den Hauptweg dieses Parkteils hinweg miteinander zu verbinden. So erstrecken sich zweimal zwei horizontal gespannte, rote Farbstreifen, deutlich oberhalb des Bodens, quer über die Hauptachse und verändern mit ihrer eindringlichen Farbigkeit den Gesamteindruck des Immergrünen Gartens vollkommen. Die Sockel selbst sind an den vertikalen Flächen, man möchte sagen: hauteng von der Folie ummantelt, sodass ihre stellenweise abgestoßenen Kanten sich deutlich abzeichnen, während die horizontalen, von Witterungseinflüssen und Flechtenbewuchs gezeichneten Oberflächen frei bleiben und somit besonders betont werden. Aus der Nähe betrachtet, erscheinen sie plötzlich wie eigenständige Bilder oder Reliefs von eigentümlicher, bislang unbemerkter Schönheit. Der Titel ARILLI, den Linda Nadji für ihren installativen Eingriff im Vorgebirgspark gewählt hat, ist ein botanischer Fachbegriff (Singular: Arillus) und nimmt spielerisch Bezug auf die roten, oben offenen Scheinbeeren, die die Eiben etwa von August bis Oktober ausbilden. Diese Früchte ummanteln die Samen der immergrünen Bäume als beerenartig-fleischige Hüllen. Analog dazu werden die vier gemauerten und verputzen Sockel von der roten Stretchfolie umhüllt. Die Arilli der Eiben sind übrigens der einzige für Menschen ungiftige Teil dieser Bäume, die ansonsten, besonders in den Nadeln und Samenkörnern, eine hohe Konzentration des Alkaloids Taxin aufweisen, das schon in geringer Dosierung tödlich wirken kann. Man könnte sämtliche Arbeiten, die bei der Vorgebirgs- park Skulptur gezeigt werden, ganz grob in zwei Kategorien einsortieren. Zum einen gibt es solche Skulpturen, die auf Raumwirkung hin angelegt sind, weite Sichtachsen aktivieren und das Parkgelände als solches neu und anders erlebbar machen. Zum anderen sind jene Werke zu nennen, die auf Nahsicht hin konzipiert sind und einen genauen Blick auf ihre Details einfordern, wobei dann der Gesamteindruck des Parkraums in den Hintergrund tritt. ARILLI gehört zweifellos in die erste Kategorie. Mit der Intervention der farbstarken horizontalen Folienbänder, die den Hauptweg durch den Immergrünen Garten blockieren und wie harte Schnitte in das Gelände erscheinen, wird der Gesamteindruck dieses Parkteils fundamental verändert. In der Beschäftigung mit dieser Arbeit versteht man schnell, dass Sehen keineswegs ein rein visueller, sondern ein dezidiert körperlicher Vorgang ist. Das bedeutet, dass man die Installation erst in der Bewegung, im Gehen, im Herumspazieren angemessen erlebt. „Diesen Aspekt der Bewegung der Rezipienten denkt Linda Nadji in ihren ortsbezogenen Arbeiten häufig mit und weitet ihn nun in ihren neuesten Arbeiten auch auf die Weise der Darbringung aus, indem sie Menschen, die Bewegungsabläufe zu ihrer Profession gemacht haben – Tänzerinnen –, nun explizit in ihren künstlerischen Prozess einbezieht.“1

Es muss nicht Tanz sein – auch als Parkbesucher fühlt man sich unmittelbar aufgefordert, die Installation zu umrunden, um unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und miteinander zu vergleichen, wobei man durchaus auf die Idee kommen kann, unter einem der Folienbänder durchzuschlüpfen – insbesondere für Kinder eine naheliegende und einfache Übung –, sich zwischen zwei Bahnen zu stellen und gleichsam Teil der Arbeit zu werden, um einen frontalen Blick auf die um-mantelten Sockel zu haben, auf die die roten Bahnen perspektivisch zulaufen. Doch trotz ihrer auf Raumwirkung angelegten Konzeption bietet ARILLI erstaunlich viel Material für Nahblicke, für ein genaues, detailverliebtes Schauen, zum Beispiel auf das Spiel von Licht und Schatten, das sich auf den horizontalen Wellen an den Oberflächen der Folien zeigt, auch für die zum Teil farbigen Schattenwürfe der frei gespannten Bahnen. Obwohl die Installation einer klaren, strengen Geo- metrie gehorcht, zeigt das Material in seinem Eigen-sinn doch erstaunliche dynamische Eigenschaften. Schon bei geringer Windstärke fangen an manchen Stellen plötzlich die Ränder der gespannten Folien an zu zittern und zu vibrieren, bei stärkerem Luftzug geraten die Bänder in ein rhythmisches Schwingen, als ob sie sich aus eigenem Antrieb in Bewegung setzten. ARILLI kommt der heutigen Rezeptions-gewohnheit sehr entgegen, markante Seheindrücke sogleich mit dem Smartphone festzuhalten. Man kann beim Fokussieren auf Einzelheiten feststellen, dass bei intensivem Sonnenlicht und je nach Blickwinkel die Folie leicht transparent wirkt oder dass sie farbige Reflexionen auf den Boden wirft. Wer einmal auf solche Details aufmerksam geworden ist, kann Nadjis Installation nach bildtauglichen Motiven absuchen und wird zweifellos fündig werden. ARILLI ist nicht nur eine Arbeit, die eine starke Raumwirkung entfaltet, sie ist zugleich auch ungemein fotogen.

– Peter Lodermeyer –

VITA

Linda Nadji
lebt und arbeitet in Köln
Studien
2011 Akademiebrief, Meisterschülerin bei Prof. Hubert Kiecol
2006-2011 Studium freie Kunst, Kunstakademie Düsseldorf
bei Prof. Helmut Federle, Prof. Hubert Kiecol, Prof. Rita McBride
1998-2001 Schauspielausbildung
Theater der Keller & Zentrum für Schauspiel & Tanz, Köln
1997-1998 Projekt Theater Total, Bochum
1994-1997 Designstudium, Fachhochschule Aachen
1992 Allgemeine Hochschulreife, Schloss Gymnasium Benrath, Düsseldorf
Ausstellungen (Auswahl)
2025 reframing, Fünfzehnwochen GOLZHEIM, Düsseldorf (E); TRÄGERINNEN, Performance zu DIE GROSSE SOIRÉE,
Museum Kunstpalast, Düsseldorf; Ins Grüne I, Museum Peter August Böckstiegel (E); INTERACTIONS x
WETRANSFORM, Bundeskunsthalle, Bonn; Teilweise möbliert, exzellente Aussicht, Haus Lange, Krefeld
2024 3rd SPACE EU, Castel Frankopan & Museum of Modern Art Rijeka; layers, lines & repetitions, co3, Köln (E);
Interactions 2024, Bundeskunsthalle, Bonn; Interfaces, microgalerie, Köln (E); Painting, as It Were
(Painting as Is III), Kadel-Willborn, Düsseldorf
2023 Circle:43, Kunsthalle, Düsseldorf; 3rd SPACE EU, Kraljevica / Wuppertal
2022 whatever it feels like, Altes Küster Haus, Meerbusch (E); TRACES:, KV KUH, Düsseldorf (E);
“I Offer You a Journey Without Direction, Uncertainty and No Sweet Conclusion”, KV Harburger Bahnhof,
Hamburg; PLANTS&PORTAITS, Odelisques Raum, Berlin (E)
2021 SimultanProjekte, Simultanhalle, Köln; Memory II, Zero Fold, Köln (E)
2020 Berge begegnen sich…, Michael Horbach Stiftung, Köln
2019 STILLE POST, KV Sundern (E); AUF/ZU, Performance, Anders Wohnen, Museum Haus Lange, Krefeld;
Très Chic, Kunstverein, Ludwigsburg
2018 ART^S KICHEN, Gallery BOX, Göteborg (E);materials III, Kunstwerk, Köln
2017 ABOUT THE ARTIST, Osthaus Museum, Hagen; materials II, BRUCH&DALLAS, Köln
2016 ZOO, Lepsien Art Foundation, Düsseldorf; materials I, Matjö, Köln; Out of shape,
TOTALE 19, Maschienenhaus, Essen
2015 GENIUS LOCI III – HERE THEY COME!, Setareh Gallery, Düsseldorf; IM GRÜNEN, Kirchheimbolanden (E);
framed unframed, TYSON, Köln (E)
2014 roundabout, Malkasten, Düsseldorf (E); WINWIN, Güterbahnhof Ehrenfeld, Köln; Forum 2014.
Burg Vischering, Lüdinghausen
2013 UndWasWenn, Kunstverein Emmerich (E); Raum & Objekt, KV Gelsenkirchen; InSideOut,
Bruch & Dallas, Köln (E); Cased, Casestudy, Hannover (E)
2012 new talents, Kunststation St. Peter, Köln
Stipendien/ Förderungen (Auswahl)
2023 Recherche- und Arbeitsstipendium der Stadt Köln
2021 Stipendium des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
2020 Mikro Stipendium, Frauenkulturbüro NRW
Stipendium des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein- Westfalen
2019 Internationales Austauschprogramm des Frauenkulturbüro NRW
2018 Projektförderung, „materials III“, Kunststiftung NRW u. Kulturamt Köln

www.lindanadji.com
Instagram: lindanadji